DIE HERREN DES PARKS
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DIE HERREN DES PARKS
Landung im Regen
Über dem Hamburger Stadtpark hing ein Himmel von der Farbe einer ungelösten Steuererklärung. Feiner Regen fiel auf die Wege, die Wiesen und die futuristischen Lichtmasten, deren Sensoren jeden Spaziergänger erfassten, um anschließend vollautomatisch festzustellen, dass nichts von Bedeutung geschehen war. Um 21.47 Uhr öffnete sich zwischen zwei alten Buchen ein schmaler Riss in der Luft. Ein schwarzes Raumschiff glitt hindurch. Es war kaum größer als ein Lieferwagen, besaß weder Fenster noch erkennbare Triebwerke und landete so geräuschlos, dass nur ein Kaninchen erschrocken innehielt. Das Tier musterte das fremde Objekt, entschied sich gegen eine Meldung bei den Behörden und hoppelte weiter.
Eine kreisrunde Luke öffnete sich. Drei Gestalten stiegen aus. Ihre Körper waren hochgewachsen und dünn. Unter der grauen Haut bewegten sich feine Lichtadern. Ihre Köpfe erinnerten an umgedrehte Tropfen, während vier bernsteinfarbene Augen unabhängig voneinander in verschiedene Richtungen blickten. Sie gehörten zum Volk der Velkaar. Commander Qivon hob ein Handteller großes Gerät, das jede bekannte Sprache innerhalb weniger Sekunden entschlüsseln konnte.
„Atmosphäre akzeptabel“, sagte das Gerät mit der Stimme eines gelangweilten Hamburger Nachrichtensprechers. „Sauerstoffanteil ausreichend. Schadstoffkonzentration erhöht. Politische Vernunft nicht messbar.“
„Ist das gefährlich?“, fragte Wissenschaftlerin Sevrak.
„Nur langfristig.“
Der dritte Velkaar, ein junger Gesellschaftsanalytiker namens Druul, betrachtete die beleuchteten Hochhäuser hinter den Baumwipfeln.
„Unser Auftrag ist eindeutig“, sagte er. „Wir müssen herausfinden, welche Spezies diesen Planeten beherrscht.“
Qivon aktivierte seinen Dominanzscanner. Das Gerät analysierte Körpersprache, Rangordnung, Besitzverhältnisse und Unterwerfungsrituale. Auf Velkaar hatte es in wenigen Minuten zuverlässig erkannt, dass nicht der Präsident, sondern dessen persönlicher Küchenchef die eigentliche Macht besaß.
„Wir beobachten“, befahl Qivon. „Wir greifen nicht ein.“
Aus der Dunkelheit näherte sich ein Wesen. Es hatte vier Beine, schwarzes Fell und eine lange Schnauze. Um seinen Hals trug es ein leuchtendes Band. Hinter ihm lief ein Mensch. Der Mensch hielt eine Leine in der Hand und wurde von dem Tier mit erstaunlicher Entschlossenheit durch den Park gezogen. Druul deutete auf die beiden.
„Der Vierbeinige führt.“
„Offensichtlich“, sagte Sevrak.
Das erste Ritual Der Hund blieb an einem Baum stehen. Der Mensch wartete gehorsam. Der Hund schnupperte am Stamm, hob ein Bein und urinierte dagegen. Qivons Dominanzscanner summte.
„Interessant. Markierung des Territoriums.“
„Eine öffentliche Besitzurkunde“, stellte Druul fest.
„Sehr effizient“, sagte Sevrak. „Keine Formulare.“
Der Mensch sagte: „Bello, nun komm endlich.“
Der Hund ignorierte ihn.
„Der Diener hat gesprochen“, sagte Druul.
„Der Herrscher reagiert nicht“, ergänzte Qivon. „Ein klares Zeichen absoluter Macht.“
Bello ging einige Schritte weiter, drehte sich zweimal im Kreis und setzte einen dampfenden Haufen auf den Weg. Die drei Velkaar beobachteten schweigend. Der Mensch zog eine kleine Plastiktüte aus der Jackentasche, stülpte sie über seine Hand, hob den Kot auf und trug ihn zu einem Abfallbehälter. Sevraks untere Augen weiteten sich.
„Er sammelt die Ausscheidungen seines Gebieters.“
„Vielleicht handelt es sich um eine religiöse Reliquie“, vermutete Druul.
„Warum wirft er sie dann in den Behälter?“
Qivon scannte den Mülleimer.
„Der Behälter enthält die Ausscheidungen zahlreicher Vierbeiniger.“
Druul erstarrte.
„Ein gemeinsames Archiv.“
„Oder eine Wahlurne“, sagte Sevrak.
Qivon blickte sie an.
„Wie kommst du darauf?“
„Der Planet wirkt politisch hochgradig instabil. Vielleicht stimmen die Herrscher auf diese Weise über ihre menschlichen Verwalter ab.“
Bello bellte. Der Mensch zog sofort ein kleines Stück Fleisch aus seiner Tasche. „Fein gemacht“, sagte er und reichte es dem Hund.
Die drei Velkaar traten gleichzeitig einen Schritt zurück.
„Er bezahlt ihn“, flüsterte Druul.
„Für die Ausscheidung“, ergänzte Sevrak.
Qivons Lichtadern pulsierten.
„Damit ist die Rangordnung beinahe bewiesen.“
Die Diener der Leine
Weitere Menschen kamen über den Weg. Ein älteres Paar wurde von einem kleinen weißen Hund begleitet, der einen roten Mantel trug. Der Mann trug keinen Mantel, obwohl der Regen stärker wurde. Hinter ihnen folgte eine junge Frau, die einen riesigen braunen Hund an einer elektronischen Leine führte. Das Halsband des Tieres übermittelte Puls, Körpertemperatur, Stimmung, Schrittzahl und vermutlich auch dessen Meinung zur Regierung.
„Was sagt das Gerät?“, fragte Druul.
Sevrak las die Funksignale aus.
„Der Vierbeinige hat heute noch zweitausend Schritte zu absolvieren. Der Mensch muss ihn begleiten.“
„Zwangsarbeit“, stellte Druul fest.
Der kleine weiße Hund blieb stehen. Die ältere Frau blieb ebenfalls stehen. Der Hund setzte sich. Die Frau öffnete eine Tasche und holte eine Schale, eine Wasserflasche sowie mehrere handgefertigte Snacks hervor.
„Möchtest du Hühnchen oder lieber Lachs, mein Schatz?“
Der Hund blickte weg.
„Er verweigert die erste Gabe“, sagte Sevrak.
Die Frau hielt ihm ein zweites Leckerli hin.
„Oder Käse?“
Der Hund nahm es. Druul hob ehrfürchtig beide Hände.
„Er lässt verschiedene Speisen bringen und wählt dann aus.“
„Ein Monarch“, sagte Qivon.
Der Mann neben der Frau seufzte.
„Für mich hast du nichts dabei?“
„Du kannst zu Hause essen.“
Die Velkaar sahen einander an. Qivon schaltete den Dominanzscanner aus.
„Das Gerät wird nicht mehr benötigt.“
Ein weiterer Hund stürmte heran. Er war klein, rund und trug einen Pullover mit der Aufschrift BOSS.
„Eine überraschend offene Gesellschaft“, sagte Druul. „Die Führungskräfte sind gekennzeichnet.“
Der sogenannte Boss rannte zu einem Gebüsch. Sein Mensch folgte ihm, stolperte über die Leine und fiel in eine Pfütze. Der Hund blieb stehen und sah zurück.
„Boss!“, rief der Mann.
Das Tier bellte zweimal. Der Mensch stand sofort auf.
„Ein direkter Befehl“, sagte Sevrak.
„Und unverzügliche Ausführung“, ergänzte Qivon.
Verdeckte Befragung
„Wir brauchen eine verbale Bestätigung“, entschied Qivon.
Die Velkaar aktivierten ihre Tarnfelder. Ihre Körper veränderten sich und nahmen menschliche Formen an. Qivon erschien nun als schlanker Mann in einem dunklen Anzug. Sevrak wurde zu einer hochgewachsenen Frau mit silbernem Regenmantel. Druul verwandelte sich in einen jungen Mann, dessen Gesicht zwar menschlich wirkte, aber ein wenig zu symmetrisch geraten war.
Sie gingen auf die Besitzerin des großen braunen Hundes zu.
„Entschuldigung“, begann Qivon. „Wir führen eine gesellschaftliche Untersuchung durch.“
Die Frau musterte ihn.
„Vom Senat?“
„Nein.“
„Dann haben Sie vermutlich tatsächlich Interesse an der Antwort.“
Qivon deutete auf den Hund.
„Wer trifft in Ihrem Haushalt die wichtigsten Entscheidungen?“
Die Frau lächelte.
„Bruno natürlich.“
Druul nickte begeistert.
„Können Sie das präzisieren?“
„Er entscheidet, wann ich aufstehe, wann wir rausgehen, wohin wir laufen und wann ich nach Hause komme. Wenn ich zu lange arbeite, legt er den Kopf auf meine Tastatur.“
Sevrak notierte jedes Wort.
„Und Sie gehorchen?“
„Was soll ich machen? Er hat diesen Blick.“
Bruno sah die Velkaar an. Sein Blick war ruhig, dunkel und vollkommen urteilsfrei.
Druul schluckte.
„Verfügt er über politische Macht?“
Die Frau lachte.
„Mehr als die meisten Politiker. Ihm vertrauen wenigstens alle.“
Qivon trat näher.
„Werden diese Wesen gewählt?“
„Nein. Sie suchen sich ihre Menschen selbst aus.“
Sevrak stieß einen leisen Laut aus.
„Eine erbliche Elite ohne Wahlverfahren.“
„Und dennoch beliebt“, flüsterte Druul.
Bruno begann zu knurren. Die Tarnfelder der Velkaar flackerten. Die Frau zog die Leine kürzer.
„Bruno, sei freundlich.“
Der Hund bellte. Im selben Moment fiel Druuls Analysegerät aus seiner Jacke. Es landete auf dem Boden, entfaltete drei kleine Antennen und begann hektisch zu blinken. Bruno schnappte es sich.
„Nein!“, rief Druul.
Der Hund rannte davon. Die Frau wurde von der Leine mitgerissen.
„Bruno! Aus!“
Bruno dachte nicht daran. Die Velkaar folgten ihm durch den Park.
Der höchste Befehl
Bruno raste über eine Wiese, sprang über eine Bank und verschwand hinter einem Gebüsch. Sein Mensch, die drei Velkaar und zwei unbeteiligte Jogger jagten hinterher. Schließlich blieb der Hund vor dem getarnten Raumschiff stehen. Er legte das Analysegerät ab. Dann schnupperte er an der unsichtbaren Außen Hülle. Ein blauer Funke lief über das Tarnfeld. Das Schiff wurde sichtbar. Die Frau blieb stehen.
„Was zum Teufel ist das?“
Druul sah zu Qivon.
„Die Tarnung ist zusammengebrochen.“
Qivon deaktivierte seine menschliche Gestalt. Sevrak und Druul taten es ihm gleich.
Die Frau starrte die drei Aliens an.
„Ach“, sagte sie nach einigen Sekunden. „Natürlich. Ausgerechnet heute.“
Bruno setzte sich vor Qivon und hob eine Pfote.
„Was bedeutet diese Geste?“, fragte Sevrak.
Die Frau seufzte.
„Er möchte ein Leckerli.“
Qivon blickte auf die ausgestreckte Pfote.
„Er fordert Tribut.“
„Geben Sie ihm lieber etwas“, sagte die Frau. „Sonst bellt er.“
„Und wenn er bellt?“
„Dann kommen wahrscheinlich andere Hunde.“
Die Velkaar erstarrten. Sevrak öffnete ihre Versorgungstasche und zog einen komprimierten Nährstoffwürfel hervor.
„Dieses Konzentrat ernährt einen Velkaar sieben Tage lang.“
„Bruno ist nicht wählerisch“, sagte die Frau.
Der Hund nahm den Würfel, kaute zweimal und schluckte ihn hinunter. Sevraks vier Augen weiteten sich.
„Unfassbar.“
Bruno hob erneut die Pfote. Qivon gab ihm einen zweiten Würfel.
„Commander“, protestierte Druul, „das sind unsere Notrationen.“
„Wir befinden uns in diplomatischen Verhandlungen.“
Bruno stand auf, ging zum Raumschiff und urinierte gegen das Landegestell. Der Dominanzscanner schaltete sich selbstständig ein. NEUER EIGENTÜMER REGISTRIERT, erschien auf dem Display.
Druul wurde bleich.
„Er hat unser Schiff annektiert.“
Die Frau nahm Brunos Leine.
„Das macht er bei allem, was ihm gefällt.“
Qivon sah zu Sevrak.
„Wir brechen die Mission ab.“
„Aber unser Schiff gehört jetzt ihm.“
Qivon betrachtete Bruno, der zufrieden vor dem Landegestell saß.
„Dann müssen wir um Starterlaubnis bitten.“
Bericht an die Sterne
Wenige Minuten später erhob sich das Raumschiff über die Baumwipfel. Bruno stand auf der Wiese und beobachtete, wie es zwischen den Wolken verschwand. Seine Besitzerin hielt noch immer das fremde Analysegerät in der Hand. Auf dem Display erschien eine letzte Nachricht.
VORLÄUFIGER ERKUNDUNGSBERICHT – PLANET ERDE
Herrschende Spezies: vierbeinige Säugetiere verschiedener Größe.
Lokale Bezeichnung: Hunde.
Untergeordnete Spezies: Menschen.
Aufgaben der Menschen: Nahrungsbeschaffung, Transport, medizinische Versorgung, Körperpflege, Unterhaltung und Entsorgung königlicher Ausscheidungen.
Regierungsform: emotional abgesicherte Leinenmonarchie.
Empfehlung: diplomatische Kontakte ausschließlich über die herrschende Spezies aufnehmen.
Warnung: Menschen behaupten gelegentlich, selbst die Kontrolle zu besitzen. Diese Aussage widerspricht sämtlichen Beobachtungen.
Die Frau las den Bericht zweimal. Dann blickte sie zu Bruno.
„Das ist doch völliger Unsinn.“
Bruno setzte sich vor sie.
Er hob die Pfote. Die Frau steckte das Analysegerät ein, öffnete ihre Tasche und reichte ihm ein Stück Hühnchen.
„Aber nur noch eins.“
Hoch über Hamburg sprang das Raumschiff der Velkaar in den Hyperraum. Bruno kaute langsam auf seinem Leckerli. Dann blickte er zum Himmel. Und wedelte.
ENDE